Liebesgrüße aus dem Bernsteinzimmer

2. Teil St. Petersburg – Kaskaden der Geschichte

Europa ist reich an historischen Denkmälern, eindrucksvollen Bauwerken und kulturellen Highlights. Um sich diese Schätze aus der Nähe betrachten zu können, bieten sich besonders geführte Kulturreisen an. Man kann aber auch ganz privat auf Entdeckungsreise gehen. So etwa auch in St. Petersburg, der wiederentstandenen und wertvollen Perle des russischen Reiches. Nach St. Petersburg gelangt man per Flugzeug, per Schiff von der Ostsee oder gemütlich in elf Tagen über den Moskowa-Kanal, die Wolga und die Newa, oder mit hohem Tempo 250 km/h in nur dreieinhalb Stunden, aus Moskau kommend, mit dem modernen Hochgeschwindigkeitszug „Sapsan“.

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St. Petersburg Senatsplatz

Venedig des Nordens

St. Petersburg, das Venedig des Nordens, wurde von Peter dem Großen 1703 gegründet und war vom18. bis ins 20. Jahrhundert als „Petrograd“ auch die Hauptstadt Russlands und ein europaweit anerkanntes Kulturzentrum. Peter der Große hatte erkannt, dass die internationale Bedeutung seines Lands nur durch einen Zugang zum Meer vergrößert werden könne. Er hat deshalb Sankt Petersburg zu einem Gegengewicht zu den mächtigen Seefahrern – den Engländern, den Franzosen und den Deutschen – geplant und als architektonisches Aushängeschild der Macht und Größe des russischen Kaiserreiches auserkoren. Dreihundert Jahre lang haben viele historischen aber auch Naturkatastrophen der Stadt zugesetzt. Mehrmals haben Feinde versucht die Stadt zu erobern und dem Erdboden gleich zu machen, aber nie hat der Fuß eines Feindes die Stadt betreten. Selbst die 900 Tage der grauenhaftesten Belagerung der Menschheitsgeschichte durch die Hitler-Wehrmacht konnte den Widerstandsgeist der Stadtbewohner (damals Leningrad) nicht brechen.

Bersteinzimmer

Was sich den heutigen Besucher bietet, ist ein detailgetreuer Nachbau der einstigen Größe und Schönheit sowie der größten Kunstschätze der Stadt, welche die Deutschen durch ihre Bombardements in Flammen aufgehen haben lassen. Die berühmte Eremitage, der Katharinen-Palast samt Bernsteinzimmer und auch die Sommerresidenz „Peterhof“ – auch das russische Versailles genannt – sind in all ihrer Pracht und Herrlichkeit wiederentstanden. Das sagenumwobene Bernsteinzimmer, einst im Berliner Stadtschloss vom ersten Preußenkönig Friedrich I. in Auftrag gegeben, wurde 1716 vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. an den russischen Zaren Peter den Großen gegen 248 groß gewachsene Leibgardisten eingetauscht und  unter der Regentschaft von Zarin Elisabeth 1743 im Winterpalast eingebaut. Dieselbe Regentin ließ im Jahre 1755 einen Raum für die Bernstein-Paneele im Katharinen-Palast in Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg einrichten, in dem es auch fast zwei Jahrhunderte verblieb. Die Wandverkleidungen und das Interieur des berühmten Zimmers wurde 1941 als Kriegsbeute von den deutschen Besatzer geraubt und landete ab 1942 im Königsberger Schloss. Seit der kriegsbedingten Evakuierung des Schlosses im Jahre 1945 ist das Bernsteinzimmer verschollen. Im Katharinen-Palast befindet sich seit 2003 eine originalgetreue Nachbildung des Bernsteinzimmers.

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Bernsteinzimmer

Peterhof

Besonders eindrucksvoll sind auch die Schlossbauten des Peterhofes, der direkt am Meer gelegenen Sommerresidenz der Zaren. Die technisch raffiniert ausgeklügelten Wasserspiele mit ihren zahlreichen Fontänen und Wasserkaskaden zwischen den goldenen Statuen. Sie ziehen heute die Touristen in Massen an. Nach den Plänen Peters des Großen sollte die Pracht seiner Sommerresidenz jene der berühmtesten europäischen Residenzen bei weitem übertreffen. Dies wurde auch glänzend erreicht. Und das in nur wenigen Jahren. Nach Peters Tod haben auch Katharina die Große und später Zar Nikolaus I. den Peterhof genutzt, weiter ausgebaut und mit unvorstellbarem Reichtum ausgestattet.

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Peterhof Kaskaden

Der eherne Reiter

Mit der populären Bezeichnung „Der eherne Reiter“ wurde 1782 das bronzene Reiterstandbild des Zaren Peter der Große auf dem Sankt Petersburger Senatsplatz benannt. Die Reiterstatue ist eines der wichtigen Wahrzeichen von Sankt Petersburg. Zar Peter I. ist „hoch zu Ross“ auf einem sich aufbäumenden Pferd dargestellt, unter dessen Hufen eine Schlange zertreten wird. Die Szene soll Peters Sieg über die Schweden in der Schlacht bei Poltawa symbolisieren. Die Zarin Katharina die Große ließ das Denkmal von dem berühmten französischen Bildhauer Étienne Falconet errichten.

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Der eherne Reiter

Bluts-Kathedrale

In der Stadt selbst besticht den Besucher besonders die Regelmäßigkeit. Straßenzüge und Häuserzeilen sind geometrisch konstruiert und aneinander angepasst. Viele der Bauten erinnern an Wiener Häuserzeilen in der Innenstadt, die aber allesamt in der Nacht in besonderer Weise beleuchtet sind. Zwischen den Häusern liegen die schiffbaren Kanäle, in denen heute die Touristenboote unterwegs sind. Sie fahren zur Insel der Peter und Paul-Festung mit der gleichnamigen Kathedrale und seinem 122 Meter nadelförmig in den Himmel ragenden Glockenturm mit seiner goldenen Spitze. Das Bauwerk war einst das höchste Gebäude Russlands. In der Kirche sind die Grabstätten der wichtigsten Zaren untergebracht. Die Bootsfahrt geht weiter, vorbei am Fabergee- und am Puschkin Museum, vorbei auch an der Bluts-Kathedrale, die Christi Erlöser- oder Auferstehungs-Kirche, die nach dem tödlichen Bombenattentat der revolutionären Organisation „Volkswille“ auf Zar Alexander II sowie dem 100-jährigen Gedenken an den Sieg über Napoleon erbaut worden war. Die Kirche ist im Stil der Basilius-Kathedrale von Moskau nachempfunden, ist besonders farbenreich und mit zahllosen wertvollen Mosaiken ausgestattet. Die Geschichte der Kirche war sehr wechselhaft. Einst als ein Denkmal und weniger als ein Gotteshaus konzipiert, diente sie nie liturgischen Zwecken. Sie wurde als Konzerthalle und Museum und später als Theater genutzt. In der sowjetischen Zeit sollte sie mehrfach niedergerissen werden und war jahrzehntelang für die Öffentlichkeit geschlossen. Erst im August 1997 wurde sie nach 27 Jahren eifriger Renovierungsarbeiten als Museum unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wiedereröffnet.

Ein architektonisches Wunderwerk ist auch die Isaak-Kathedrale auf dem linken Newa-Ufer. Zwischen dem Isaak- und dem Senatsplatz erhebt sich das prachtvolle Bauwerk mit seiner vergoldeten Kuppel. Es ist dies der viertgrößte Kuppelbau der Welt. Nur der Petersdom in Rom, die St. Pauls Cathedral in London und Santa Maria dei Fiori in Florenz sind größer. Die Isaak-Kathedrale ist 101,5 Meter hoch, und 111 Meter lang. Im Inneren hat die Kuppel einen Durchmesser von 21,8 Metern. In der Kathedrale haben bis zu 14.000 Menschen Platz. Sehr eindrucksvoll ist auch der Schlossplatz vor dem Winterpalais mit extrem hohen Carl Begrow-Torbogen des Generalstabes. Die Fahrt auf der Newa hat noch eine andere Besonderheit zu bieten. Da der Fluss auch für größere Schiffe befahrbar ist, sind die wichtigsten Brücken zur Wassiljewskij-Insel als Zugbrücken konstruiert. Nachts, wenn die die Brücken hochgezogen sind, laufen die Großen Schiffe in die Stadt ein. Um fünf Uhr früh ist dann der Zauber wieder vorbei und die magisch und eindrucksvoll beleuchteten Zugbrückenteile verwandeln sich wieder in Straßenzüge.

Eremitage

Für den Besuch der Eremitage sollte man sich jedenfalls viel Zeit nehmen. Das für die Kunstsammlung Katharina der II errichtete Gebäude reichte nämlich schon damals nicht mehr, alle Kunstschütze zu beherbergen. Heute ist auch das Winterpalais, das riesige Bauwerk von atemberaubender Schönheit und Größe, als Museum eingerichtet. Insgesamt fünf Gebäude gehören schon zum Eremitage-Museum.

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Eremitage

Nationaldichter Puschkin

In St. Petersburg kommt man selbstverständlich am russischen Nationaldichter Puschkin nicht vorbei. Sein Denkmal steht vor dem staatlichen Russischen Museum in einem kleinen Park. Der in Moskau geborene Alexander Sergejewitsch Puschkin gilt als russischer Nationaldichter und Begründer der modernen russischen Literatur. Als Urenkel eines afrikanischen Sklaven, der vom Zaren als Patenkind erzogen worden ist, war einer der begabtesten Schüler des kaiserlichen Eliteschule Lyzeum Zarskoje Selo nahe St. Petersburg. Noch als Schüler wurde Puschkin in Abwesenheit in die Petersburger literarische Gesellschaft aufgenommen, die sich gegen tradierte, verkrustete Sprachvorstellungen der etablierten Literatur wandte und sich für eine Weiterentwicklung der russischen Hoch-/Schriftsprache einsetzte. Zur Erklärung: Am Hofe sprach man damals Französisch. Die Kritik der Russen: Warum sprechen wir die Sprache unserer Feinde? Die frühe Poesie des jungen Dichters strahlt seine unstillbare Lebenslust aus und wurde ein bedeutendes Kulturgut der immer stärker werdenden russischen Selberverständnisses. Nach vielen erfolgreichen Jahren und als Liebkind der Gesellschaft verwöhnt, machten Puschkin und seine geliebte Frau Natalja die Bekanntschaft mit Georges d’Anthès. Dieser heiratete zwar Nataljas Schwester Katharina, machte aber dennoch Natalja in provozierender Weise den Hof, bis Gerüchte ihre eheliche Treue in Zweifel zogen. Es folgte ein beleidigender Brief Puschkins an d’Anthès, der dann den Künstler zum Duell forderte. Puschkin wurde durch einen Bauchschuss schwer verletzt und erlag zwei Tage später seiner Schussverletzung.

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Nationaldichter Puschkin

Modernes Sankt Petersburg

Heute ist Sankt Petersburg wieder das kulturelle Zentrum Russlands, unter anderem mit dem hochmodernen Mariinski-Theater mit Opern- und Ballettaufführungen und dem Russischen Museum, in dem 400.000 Exponate russische Kunst von orthodoxen Ikonen bis zu den Werken Kandinskys auf die Besucher warten. Die rund 5 Millionen Einwohner der Stadt sind gut versorgt und auch gut ausgebildet. Zahlreiche Straßenbahn- und Busverbindungen sowie die Bootsfähren ergänzen das leistungsfähige Straßennetz. Die historische Innenstadt mit 2.300 Palästen, Prunkbauten (sehenswert: Etwa auch das Singer Haus) und Schlössern ist seit 1991 als Weltkulturerbe der UNESCO eingetragen. In dieser Vielfalt ist St. Petersburg weltweit nur noch mit Venedig vergleichbar. Dass auch Vladimir Putin hier am Weg zum Petershof seine Sommerresidenz eingerichtet hat, scheint nur logisch.

Moskau und Sankt Petersburg werden als siebentägige Kulturreisen fast von allen Reisebüros angeboten. Es gibt Angebote mit Flug, Halbpension und deutschsprachig geführten Busfahrten samt Eintritten zu den Sehenswürdigkeiten schon ab 1.300,– Euro. 

Text + Fotos: Gerhard Krause